Einführung in GTD (Teil 7): Der fünfte Schritt: Erledigen der Aufgaben

Getting Things Done GTD
Vor ein paar Jahren hat eine neue Methode der Selbstorganisation das Licht der Welt erblickt: Getting Things Done (abgekürzt GTD). Der “Erfinder” von GTD, David Allen, erklärt in seinem Buch, welches ihn bekannt gemacht hat, wie man seine Dinge wieder in den Griff bekommt und seinen Alltag managen kann.

In der Artikelserie “Einführung in GTD” werden die Grundsätze von GTD erklärt. Der Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung: Am Ende sollten Sie fähig sein, die ersten Schritte mit GTD machen zu können. Einen Überblick über die Serie finden Sie hier.

Im letzten Schritt von GTD geht es um das Wichtigste, nämlich um das Erledigen der Aufgaben. Wir haben jetzt alle losen Enden gesammelt und auf verschiedene Kontextlisten verteilt. Einmal pro Tag leeren wir den Eingangskorb und einmal pro Woche halten wir einen Wochenreview. Doch erledigt haben wir damit ja noch nichts. Die Frage ist also: Was soll ich jetzt tun?

Die vier Kriterien

Sobald die Frage “Was soll ich jetzt tun?” auftaucht, nimmt man vier Kriterien zu Hilfe. Wichtig ist, die Reihenfolge einzuhalten, auch wenn sie zunächst ungewöhnlich erscheint.

  1. Kontext
  2. Verfügbare Zeit
  3. Verfügbare Energie
  4. Priorität

1. Kontext

Genau genommen machen erst jetzt die verschiedenen Kontextlisten Sinn. Die Frage “Was soll ich jetzt tun?” wird nun zu “Was kann ich jetzt überhaupt tun? In welchem Kontext befinde ich mich?”. Wenn Sie auf den Zug warten, können Sie vielleicht ein paar Anrufe erledigen und nehmen Ihre “Telefon”-Liste hervor. Oder Sie warten in einem Café auf den nächsten Termin und nehmen Ihre “Papier”-Liste hervor, wo die Dinge notiert sind, die Sie ohne zusätzliche Hilfsmittel wie den Computer oder andere Unterlagen erledigen können. Dank den Kontextlisten vermeiden Sie, immer wieder neu nachdenken zu müssen, ob Sie eine Aufgabe jetzt überhaupt erledigen können. Erscheint sie nicht auf der entsprechenden Kontextliste, ist sie sowieso nicht innerhalb Ihres Radars.

Das ist ein ganz entscheidender Vorteil. Auf den Kontextlisten stehen ja konkrete Handlungsschritte, die relativ klein sind. Damit haben Sie mindestens 30-50 Aufgaben auf Ihren Listen, vermutlich sogar mehr. Es würde Sie sehr viel Zeit kosten, all die Aufgaben jedes Mal durchzugehen, um diejenigen heraus zu filtern, die Sie jetzt gerade in diesem Kontext erledigen können. Deshalb ist die Unterteilung in Kontextlisten so wertvoll.

2. Verfügbare Zeit

Dieser Punkt ist klar. Sie werden kaum einen Anruf von 30 Minuten beginnen, wenn Sie in 10 Minuten eine Sitzung haben. Aber bestimmt finden Sie auf Ihrer Kontextliste eine Aufgabe, die weniger als 10 Minuten dauert.

3. Verfügbare Energie

Unsere Energie während des Tages ist – ähnlich wie unser Schlaf – in etwa 90-minütige Zyklen unterteilt. Es gibt Zeiten, da haben Sie kaum Energie unabhängig davon, was Sie vorher gemacht haben. Daneben gibt es natürlich Aufgaben, die viel von Ihrer Energie beanspruchen. Das alles können Sie bei der Auswahl der nächsten Aufgabe berücksichtigen. Nach einer anstrengenden Sitzung ist es wenig sinnvoll, die Jahresplanung vorzunehmen. Aber vielleicht können Sie Ihre Ablage aktualisieren.

Ich verwalte meine Listen elektronisch. So kann ich jeder Aufgabe ein Etikett anhängen, welches mir sagt, wie viel Energie die Erledigung vermutlich beanspruchen wird. Es gibt drei Stufen: Viel, mittel, wenig. So kann ich eine Kontextliste nehmen und mir beispielsweise nur die Aufgaben anzeigen lassen, deren Erledigung wenig Energie benötigen. Diese sind dann perfekt nach der anstrengenden Sitzung. So finde ich schnell eine passende Aufgabe.

4. Priorität

Das letzte Kriterium ist die Priorität. Es kommt erst dann zum Zuge, wenn die Aufgaben bereits durch die ersten drei Kriterien vorsortiert sind. Welche der übrig gebliebenen Aufgaben ist die dringlichste oder – besser – die wichtigste?

GTD räumt also der Priorität ein viel geringere Rolle ein als üblich. Das ist nachvollziehbar: Denken Sie nur an Ihre Listen mit den 30-50 oder mehr Aufgaben. All diese gegeneinander aufzuwiegen und Prioritäten zu verteilen, würde schlicht und einfach zu viel Zeit kosten. Deshalb sind Prioritäten in GTD herunter gestuft. Abgesehen davon sind die einzelnen Handlungsschritte sowieso die falsche Ebene für Prioritäten. Prioritäten machen Sinn auf der Ebene der Ziele oder Lebensbereiche.

Zwei weitere Modelle

David Allen beschreibt noch zwei weitere Modelle: “Drei Schritte zur Einschätzung der täglichen Arbeit” und “Sechs Ebenen, um die eigene Arbeit zu überprüfen”. Beide Modelle beschreibt er nur kurz und meiner Meinung nach auch sehr vage. Deshalb gehe ich nicht auf sie ein. Die vier Kriterien sind sowieso der Massstab, den Sie täglich brauchen werde.

In diesem Artikel haben Sie kennen gelernt, wie Sie Aufgaben aussuchen, die Sie gerade jetzt erledigen können. Damit haben wir den letzten Schritt kennen gelernt. Im nächsten Teil werde ich eine Zusammenfassung des ganzen Prozesses geben.

Einführung in GTD: Übersicht

7 Tipps für eine höhere Produktivität (paradoxerweise)

  1. Low-Tech
    So faszinierend die neusten Gadgets und Hilfsmittel auch sind: Mit keinem Medium sind Sie so schnell wie mit Papier und Stift. Kein Aufstarten, kein mühsames Tippen auf einer zu kleinen Tastatur, keine leeren Akkus, sondern einfach nur Arbeiten.
    P.S.: Zugegeben: Auch ich habe Freude an meinem iPhone. Trotzdem habe ich zusätzlich immer einen Notizblock und Stift bei mir für die Fälle, wo es schnell gehen muss.
    -> Mini-Serie: Analog vs. Digital
  2. Mittagsschlaf
    Ein Nickerchen von 15-30 Minuten nach dem Essen gibt Ihnen mehr Power und wirkt nachhaltiger als jeder Doppelespresso. Ausserdem tun Sie etwas für Ihre Gesundheit, Ihr Wohlbefinden und Ihr Gleichgewicht.
    -> Tipps, um den Energiehaushalt nicht durcheinander zu bringen
  3. Zu Fuss
    Gehen Sie – wenn möglich zu Fuss zu Arbeit. Oder steigen Sie eine Haltestelle früher aus. Oder parken Sie Ihr Auto nicht direkt vor dem Büro. Bewegen Sie sich einfach an der frischen Luft. So kommen Sie frisch und fit im Büro an – besonders im Winter.
  4. Denkzeit
    Sogar Barack Obama reserviert sich täglich Zeit, wo er einfach nur nachdenkt. Ob er das tatsächlich jeden Tag durchzieht, spielt keine Rolle – die Idee aber ist bestechend.
    -> Gedankenstrich & links und rechts! – 18. Oktober 2008: Denkpause
  5. Telefonieren
    Benutzen Sie E-Mail am besten nur, um Informationen zu übermitteln. Führen Sie keine Konversationen via E-Mail und vermeiden Sie unbedingt, emotionale Themen per E-Mail zu diskutieren. Nehmen Sie lieber wieder mal Ihr Telefon in die Hand und hören Sie zwischen den Zeilen.
  6. Singletasking
    Eines meiner Lieblingsthemen, dieses Mal von der anderen Seite betrachtet: Tasken Sie single. Oder: Tun Sie nur das, was Sie gerade tun. Fokussieren Sie sich darauf, so erhalten Sie schneller Ihr Ergebnis, welches erst noch besser sein wird. Sie sind weniger sprunghaft und werden zufriedener sein. Klingt unglaublich, aber probieren Sie es während der nächsten dreissig Tage aus. Wenn Sie nicht überzeugt sind, können Sie ja immer noch zurück zum Multitasking wechseln.
    P.S.: Dieser Hinweis gilt natürlich nur für Tätigkeiten, wo Sie Ihre Aufmerksamkeit brauchen. Natürlich können Sie aber gleichzeitig Joggen und ein Hörbuch hören oder Bügeln und fern sehen.
    -> Simple Work – Oder: Warum Multitasking nicht funktionieren kann
  7. Pausen machen
    Raucher haben Nicht-Rauchern etwas voraus: Sie sind durch ihre Sucht gezwungen, regelmässig Pausen zu machen. Nun gut, wahrscheinlich gibt ihnen diese Art von Pause nicht wirklich viel neue Energie. Aber 5 Minuten ein paar Schritte gehen, frische Luft atmen oder sich recken und strecken wecken Ihre Lebensgeister wieder.
    -> Mehr durch weniger (Teil IV): Mach mal eine Pause!

[wieder inspiriert von Nicholas Bate]

7 Tipps für eine geringere Produktivität (paradoxerweise)

  1. Kaffee
    Koffein gibt Ihnen (wie übrigens Nikotin auch) zwar einen kurzfristigen Kick, doch bald ist es mit der Herrlichkeit auch wieder vorbei. Wenn Sie versuchen, Ihre Energie ständig mit Koffein hoch zu halten, dann kann sich der Körper nicht mehr richtig erholen, Sie werden immer schlapper und brauchen immer mehr Kaffee. Wenn Sie ohne Kaffee keinen Arbeitstag überstehen, dann sollten Sie Ihre sonstigen Gewohnheiten gründlich unter die Lupe nehmen (Ernährung, Schlaf, körperliche Bewegung etc.).
    -> 5 Tipps, die Energie hoch zu halten
  2. Keine Pausen: Selbst kurze Pausen helfen dem Körper und dem Geist, sich zu erholen, sofern man sie bewusst macht und sinnvoll füllt. Aufstehen, mal kurz lüften und ein paar Schritte gehen, kosten Sie nur ein paar Minuten. Sie können übrigens “keine Pausen” noch steigern und am Mittag durchzuarbeiten (und dann noch meinen, man sei heute besonders fleissig und effektiv).
    -> Mehr durch weniger (Teil IV): Mach mal eine Pause!
  3. Überstunden
    Ab und zu länger zu arbeiten, gehört zu jedem Job. Nur noch Überstunden zu sammeln ohne Aussicht, sie jemals kompensieren zu können, ist ein Alarmzeichen. Ganz zu schweigen davon, wenn Sie ständig auch noch Unterlagen nach Hause nehmen. Sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten, lernen Sie zu delegieren, geben Sie Verantwortungen ab oder unternehmen Sie sonst etwas. Aber tun Sie was. Und schieben Sie nicht Sachzwänge vor. Ich kenne mehrere Leute in meinem Umfeld, die ganz plötzlich nach ihrem Burn-Out oder Nervenzusammenbruch eben doch reduzieren und gleichzeitig ihren Job behalten konnten.
  4. Mail sofort beantworten
    Abgesehen von der Unterbrechung, die Ihre Konzentration sofort massiv sinken lässt und Sie danach die Konzentration wieder neu mühsam aufbauen müssen, ist es ineffizient, Mails einzeln zu beantworten. Viel besser geht es in einem Rutsch. Deshalb: Mailbenachrichtigung ausschalten und 1-2 Mailsitzungen pro Tag durchführen, wo Sie all Ihre Mails schreiben, lesen und beantworten.
    -> Das LAHA-Prinzip für einen leeren Posteingang
    -> Gedankenstrich – 03. Juni 2008: Mailbenachrichtigung
  5. Sitzungen
    Ich habe mich ja erst kürzlich als Sitzungshasser geoutet. Versuchen Sie, an so wenig Sitzungen wie möglich teilnehmen zu müssen. Und planen Sie die, die sein müssen und die Sie selbst veranstalten, gut: Ziel, Ablauf, Tagesordnung, Zeitrahmen (so kurz wie möglich, nur so lang wie absolut nötig) müssen allen Teilnehmenden klar sein. Und am Schluss muss jede/r genau wissen, wie es weiter geht, was die nächsten Schritte sind und wer was zu tun hat.
  6. Multitasking
    Gut möglich, dass Sie schneller fertig werden, wenn Sie telefonieren und gleichzeitig eine E-Mail schreiben. Ich gebe Ihnen aber die Garantie, dass die E-Mail fehlerhaft, unvollständig und unsorgfältig sein wird, und Sie gleichzeitig nicht mehr genau wissen, was Ihr Gesprächspartner gesagt hat. Einer Kollegin von mir habe ich auch mal etwas erklärt und sie musste unbedingt gleichzeitig eine Einladung zu einer Sitzung schreiben und verschicken. Die Folge: Sie wusste am nächsten Tag nicht mehr, was ich ihr gesagt habe und in der Einladung fehlte das Datum und die Zeit. Peinlich…
    -> Simple Work – Oder: Warum Multitasking nicht funktionieren kann
  7. Produktiv=viel erledigen
    Produktiv ist nicht derjenige, der am meisten in der kürzesten Zeit erledigen kann. Produktiv ist diejenige, die die wichtigen und richtigen Dingen erledigt und das erst noch bevor es zu spät ist. Die unwichtigen und falschen Dinge interessieren sie nicht.

[inspiriert von Nicholas Bate]

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