
photo by Gillme
Die meisten Bücher über die persönliche Entwicklung und auch die meisten Tipps in dem Bereich versuchen zu helfen, die eigenen Schwächen los zu werden. Das ist der naheliegende Weg: Wenn ich weiter kommen will, frage ich mich, was nicht gut läuft, was ich verbessern und was ich weg lassen möchte. Diese Fragen zielen auf meine Schwächen, die es zu eliminieren gilt.
Das ist zwar gut, hat aber einen gewichtigen Nachteil:
Wer sich auf seine Schwächen konzentriert, braucht unglaublich viel Energie, um eine Veränderung herbei zu führen. Viel effizienter und effektiver wäre es, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und diese auszubauen.
Ein Beispiel
Ich bin seit Kindesbeinen ein Morgenmensch, am Morgen früh kann ich mich am allerbesten konzentrieren. Zwar habe ich ausprobiert, wie denn das Leben so ist, wenn ich bis tief in die Nacht arbeite und bis Mittag schlafe, aber das hat sich bei mir nicht bewährt. Deshalb stehe ich seit Monaten um 5 Uhr auf. Diese Umstellung ist mir völlig leicht gefallen, weil es meinem “Talent” oder meinen Neigungen eben nachkommt. Dadurch, dass ich meinen natürlichen Rhythmus beachte, kann ich heute ohne zusätzliche Anstrengung mehr Dinge erledigen. Abends kann ich mich meist nicht mehr konzentrieren. Hätte ich versucht, mich zu zwingen, abends Dinge zu erledigen, wäre das sicherlich schief gegangen. Ich hätte mich gequält, aber doch nie das erreicht, was mir vorschwebt. Durch das frühe Aufstehen habe ich das problemlos erreicht.
Das ist genau so ein Beispiel, wo ich mich auf meine “Stärken” konzentriert und sie ausgebaut habe, was mir sehr leicht gelungen ist und was eine grosse Wirkung hat. Das funktioniert aber nicht für jedermann: Ich könnte aus dem Stand viele Menschen aufzählen, die niemals so früh überhaupt denken können, aber dafür bis spät in die Nacht hoch konzentriert sind.
Stärken stärken oder Schwächen schwächen?
Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen:
Wirkliche Verbesserung ist nur in seinen Stärken und Talenten möglich. Nur dort kann man Aussergewöhnliches schaffen. Seine Schwächen mag man zwar kontrollieren können, aber das ist reine Schadensbegrenzung.
Stellt euch einen 100-Meter-Läufer vor: Er ist vielleicht der Sprinter, der am schnellsten beschleunigen kann, aber seine Schwäche ist sein langsamer Start. Ihm fehlt es an Reaktionsfähigkeit. Bei dieser Fähigkeit ist er nur der 35ste der Weltbesten. Trotzdem gewinnt er Rennen, da er der Läufer ist, der von allen am schnellsten beschleunigen kann.
Da er sich verbessern will, versucht, seine Reaktionsfähigkeit zu steigern. Das ist gut so, aber er wird nie das Niveau erreichen, wie es die Topläufer erreichen. Sein Ziel muss sein, den Schaden zu begrenzen. Vielleicht gehört er irgendwann zu den 25 Besten, aber er wird nie die Nummer 1 in Reaktionsfähigkeit werden, so sehr er sich auch anstrengt. Deshalb ist es sicherlich besser, wenn er weiterhin seine Fähigkeit, schnell beschleunigen zu können, pflegt und erhält, als dass er zu viel Energie in seine Reaktionsfähigkeit steckt. Versteht mich nicht falsch: Er muss auch seine Reaktionsfähigkeit trainieren, aber er wird da nie zu den Besten gehören und sollte deshalb nicht zu viel Energie da rein stecken. Da kann er reine Schadensbegrenzung unternehmen. Wenn er sich jedoch auf seine Stärken konzentriert, wird er es weit bringen.
Aus diesem Grund ist es wohl schlauer, seine Stärken zu stärken und sich weniger darauf zu konzentrieren, seine Schwächen zu schwächen.
5 Tipps
Zusammenfassend heisst das für mich:
- Stärken erkennen: Wer sich auf seine Stärken konzentrieren will, muss sie zuerst kennen. Es gibt verschiedene Tests, wie man seine Stärken herausfindet oder man kann sich fragen: Bei welcher Tätigkeit vergesse ich die Zeit? Was kann ich sehr gut? Was macht mir Spass? Fragt auch eure Freunde oder Familie, was ihr für Stärken habt. Die haben oftmals einen erstaunlich neutralen und objektiven Blick auf euch.
- Schwächen erkennen: Das gehört zu einer umfassenden Selbsterkenntis hinzu. Welche Schwächen habe ich? Fragt auch hier Bekannte oder eure Familie. Das ist schwerer anzuhören, aber kann euch sehr weit bringen.
- Konzentration auf die Stärken: Fragt euch dann, wie ihr die Stärken noch weiter ausbauen könnt. Was braucht ihr, um sie regelmässig entfalten zu können? Wo könnt ihr sie perfektionieren?
- Umsetzung der Stärken: Ihr kennt jetzt eure Stärken und haben sie ausgebaut. Wie könnt ihr sie in eurem Alltag konkret umsetzen? Geht das in eurem aktuellen Umfeld? Wie müsste euer Umfeld (Privat, Arbeit usw.) aussehen, damit ihr eure Stärken umsetzen könnt? Könnt ihr euer Umfeld anpassen?
- Schadensbegrenzung: Das Hauptgewicht und der Fokus liegen auf den Stärken. Wenn ihr aber findet, ihr habt eine Schwäche, die euch behindert, dann könnt ihr den Schaden begrenzen. Ganz ist sie wohl nie weg zu bekommen, aber die Wirkungen von ihr kann man minimieren.
Dieses ganze Thema ist recht neu für mich. Aber es klingt in meinen Ohren sehr einleuchtend und spannend. Darauf gekommen bin ich über das Buch “Erkennen Sie Ihre Stärken jetzt!” von Marcus Buckingham und Donald O. Clifton, welche ich euch sehr ans Herz legen kann.
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Ja, leider wird meist viel Wert darauf gelegt, die Schwächen abzubauen und wenig darauf, die aufzubauen.
Die guten Leistungen sind ja in Ordnung, um die muss man sich nicht kümmern.
Schadensbegrenzung ist vielleicht etwas zu wenig, aber bei der Gewichtung stimme ich zu.
[...] H. Young stellt die gleiche Frage, die ich auch schon vor ein paar Wochen gestellt habe: “Should You Work on Your Strengths or Weaknesses?“. Während ich der [...]
Ivan,
zu deinem Buchtipp gibt es mit “StrengthsFinder 2.0″ seit geraumer Zeit ein Update. Kennst du dieses Buch, respektive kannst du es empfehlen?
@Dominik: Nein, das Buch kenne ich nicht. Wenn ich mich recht erinnere, ist das Buch kein Update von dem Buch, welches ich empfohlen habe, sondern eigentlich ein weiteres Buch zu dem Thema, welches den selben Test nutzt. Ich habe mich vor zwei Jahren für das Buch von Buckingham/Clifton entschieden, weil es auf Deutsch erhältlich ist.
Das eigentlich Nachfolgebuch von Buckingham heisst “Nutzen Sie Ihre Stärken jetzt!“. Ist auch ganz interessant, aber nicht unbedingt ein Muss, wenn man das erste gelesen hat.